Stimme "Es gibt immer noch das wütende Kind in mir!", Sep'13

Von Nadine Lischick (teleschau - der mediendienst)
13 September 2013


teleschau: Ihr neues Album trägt den Titel "Loud Like Love". Das klingt, als sei eine Menge Liebe im Placebo-Camp gewesen ...

Brian Molko: Der Schein kann ja bekanntlich manchmal trügen (lacht). Wir haben dieses Album auf sehr ungewöhnliche Weise aufgenommen, dadurch fühlten wir uns eher ziemlich verunsichert. Die erste Hälfte der Songs entstand 2012, doch dann gingen wir auf Tour. Und als wir anschließend wieder ins Studio zurückkehrten, fingen wir praktisch bei null an. Die Messlatte lag durch die ersten Aufnahmen ziemlich hoch. Wir haben uns stets in Frage gestellt - aus den unterschiedlichsten Gründen. Es war also eine Menge Druck auf uns selbst im Spiel.

teleschau: Placebo gibt es mittlerweile seit 20 Jahren. Stellt man sich da auch schon mal die Frage, was man nach all den Jahren noch zu sagen hat?

Molko: Absolut! Das ist eine angsteinflößende Frage, der ich mich jedes Mal stellen muss, wenn wir eine neue Platte machen. Und es wird mit jedem Album schwerer, denn wenn man so lange Musik macht wir wie, verfällt man gerne in gewisse Muster. Wir haben schon immer versucht, das zu vermeiden, womit wir mal mehr und mal weniger erfolgreich waren. Dieses Mal wollten wir bewusst ein Risiko eingehen. Die neuen Songs sind sehr eklektisch, sie haben viel mehr Farbe, viel mehr Licht und Dunkel als der Vorgänger. Aber auch textlich war ich besonders hart zu mir selbst. Ich versuchte, nicht auf bereits Erforschtes zurückzugreifen. Irgendwann kristallisierte sich ein roter Faden heraus. Also beschloss ich, ihm zu folgen.

teleschau: In den Songs geht es um die verschiedenen Seiten der Liebe. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Placebo ein Album über die Liebe machen?

Molko: Genau! Es scheint untypisch für Placebo zu sein, aber deshalb war es für uns so reizvoll. Wir waren schon immer sehr konträr und bringen die Erwartungen, die andere von uns haben, gerne durcheinander.

teleschau: Glauben Sie an die perfekte Liebe?

Molko: Gibt es Perfektion überhaupt? Ich weiß nicht, ob ich daran glaube. Sobald wir Menschen die Dinge mit unseren dreckigen Händen anfassen, geht doch alles drunter und drüber. Davon abgesehen glaube ich nicht, dass Perfektionismus etwas ist, wonach man streben sollte. Sobald man akzeptiert, dass Imperfektion ein Bestandteil des menschlichen Daseins ist, lässt es sich viel ausgeglichener leben. Auf unserem Album gibt es übrigens keineswegs nur fröhliche Liebeslieder. Es ist schließlich immer noch eine Placebo-Platte.

teleschau: Das heißt?

Molko: Es gibt feierliche Momente wie zum Beispiel "Loud Like Love", aber danach wird es komplizierter und düsterer. Es geht um Eifersucht, Besessenheit, Sehnsucht, Einsamkeit und Reue, um Nostalgie darüber, wie die Dinge einmal waren und nie mehr sein werden. Ich wollte erkunden, wie brutal Liebe sein kann, welche Auswirkungen die Abwesenheit von Liebe auf ein Individuum haben kann. All diese heiteren Dinge. Ich betrachte die Songs wie zehn Kurzgeschichten, deren Thema sie vereint. Es geht um selbstmörderischen Liebeskummer und Beziehungen, die durch Sucht auseinandergerissen werden.

teleschau: Und um das Internet und den Social-Media-Wahn so wie in "Too Many Friends"?

Molko: Schon, aber es geht auch um einen Menschen, der sich sehr einsam fühlt und wahre Liebe in seinem Leben vermisst. Er hat zwar tausende virtuelle Freunde, ist aber nicht in der Lage in der echten Welt zu kommunizieren und eine Verbindung zu anderen Menschen einzugehen.

teleschau: Wie viel Brian Molko steckt in diesen Songs?

Molko: Die Songs basieren auf persönlichen Erfahrungen, ergänzt durch Storytelling. Was ich als Texter mache, hat immer auch eine bekennende Seite, aber es ist nie, als hätte ich einen Eintrag aus dem Tagebuch herausgerissen. Mir ist es wichtig eine Geschichte zu erzählen, deren Charaktere gewisse Emotionen oder Fassaden wiedergeben. Ansonsten wäre es zu persönlich, so, als ob man seine schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit waschen würde

teleschau: Und was hat es mit "Hold On To Me" auf sich? Im gesprochenen Teil des Songs zitieren Sie die Autorin Solara und sprechen von einem Tor in ein anderes Universum.

Molko: Es geht um ein Tor in eine neue, spirituelle Welt, darum, ein kollektives Bewusstsein zu erreichen, die physische Welt zu verlassen und Teil des Universums in seinem Ursprung zu werden (lacht). Ich gebe zu, das klingt total bescheuert. Aber auf der Platte klingt es wirklich gut!

teleschau: Sind Sie ein spiritueller Mensch?

Molko: Ich denke schon, ja. Ich bin nicht religiös, aber mein Leben hat mittlerweile schon eine spirituelle Dimension. Ich interessiere mich sehr für Esoterik und habe mich über die letzten Jahre mehr und mehr mit Buddhismus und Meditation beschäftigt.

teleschau: Brian Molko meditiert? Wie oft?

Molko: Eigentlich fast jeden Morgen. Es erleichtert mir den Start in den Tag. Heute Morgen habe ich nicht meditiert, weil ich verschlafen habe, und ich habe den Unterschied sofort gespürt. Ich bin viel launischer, wenn ich nicht meditiere.

teleschau: Sie wirken dennoch sehr ausgeglichen. In der Öffentlichkeit allerdings existiert von Ihnen seit jeher das Bild des unglücklichen, unsicheren Menschen. Sind Sie diese Person überhaupt?

Molko: Manchmal schon, aber nicht immer. Ich weiß nicht, wie gut die Musik sein würde, wenn nicht eine gewisse Unsicherheit und Verletzlichkeit involviert wäre. Aber ich glaube auch nicht daran, dass man als Künstler nur dann kreativ sein kann, wenn man unglücklich ist. Es gab Zeiten, in denen Placebo geradezu durch die Stratosphäre trieben, weil wir so anästhesiert waren. Damals waren wir auf eine gewisse Art ziemlich glücklich!

teleschau: Wie wütend sind Placebo denn im Jahr 2013 noch?

Molko: Da ist auf jeden Fall immer noch dieses wütende Kind in mir, dieser Teenager, der "Fuck you" sagt. Ich bin besser darin geworden, ihn zu kontrollieren, allerdings weiß ich nicht, ob er je abhauen wird. Aber warum sollte er auch, er ist ein Teil von mir.

teleschau: Sie sind mittlerweile 40 Jahre alt. Macht es Ihnen etwas aus, älter zu werden?

Molko: Nein, nicht wirklich. Ich glaube, wenn man in einer Band ist, fühlt sich 40 werden noch besser an als für den normalen 40-Jährigen! Schließlich hat man immer noch Momente, in denen man sich wie ein pubertierender Teenager benehmen kann. Indem man kreativ ist, bewahrt man sich einen kontinuierlichen Prozess des Erforschens. Und man kann auf der Bühne seine exhibitionistische Seite ausleben.

teleschau: Um Ihnen zum 40. zu gratulieren, haben Placebo-Fans das Projekt "Molko, Y'Know? #MolkoFourOh" ins Leben gerufen, dessen Ergebnis ein interaktiver, digitaler Geburtstagsbrief mit 2.000 Fotos aus 56 Ländern war. Waren Sie beeindruckt?

Molko: Ja, das war sehr bewegend! Die Fans haben überall auf der Welt Poster und Banner aufgehängt, von Russland bis Südamerika, und davon Fotos gemacht, die sie online zusammengefügt haben. Die Placebo-Fans haben meinen Geburtstag mehr gefeiert als ich selbst!

teleschau: Wie haben Sie denn gefeiert?

Molko: Gar nicht! (lacht) Ich habe meinen Sohn von der Schule abgeholt, nach seinem Kampfsport-Unterricht, und wir haben ein paar Cupcakes gegessen. Das war's! Aber dieses Jahr spielen wir an meinem Geburtstag in Paris, also feiere ich meinen 40. einfach an meinem 41. Geburtstag!