Piranha "Der wütende Junge und die Liebe", Sep'13

Nadine Lischick

Als Brian Molko im vergangenen Dezember 40 Jahre alt wurde, erwartete ihn eine Überraschung der etwas anderen Art. Um ihm zu gratulieren, hatten Fans seiner Band Placebo das Projekt „Molko, Y’Know? #MolkoFourOh“ ins Leben gerufen. Dessen Ergebnis war ein interaktiver, digitaler Geburtstagsbrief, der aus über 2000 Fotos bestand, zusammengetragen von Fans aus 56 Ländern auf allen Kontinenten. Wer den Erfolg von Placebo also nicht in Zahlen messen möchte – mehr als zwölf Millionen Alben haben sie in ihrer 20 Jahre währenden Karriere bisher verkauft –, der kann dieses außergewöhnliche Geburtstagsgeschenk durchaus als Beweis für ihre weltweite Beliebtheit heranziehen.

Aber wenn man zum wiederholten Male nullt, und in diesem Fall nullte ja nicht nur Molko selbst, sondern obendrein auch noch seine Band, kommt man schon mal ins Grübeln. Stellt sich Fragen. Wo man hin will und wie es weitergehen soll. Brian Molko, Bassist Stefan Olsdal und Schlagzeuger Steve Forrest kamen zu einem Schluss: „Wir wollten mit unserem neuen Album ein Risiko eingehen“, so Molko. „Wenn man so lange Musik macht wie wir, verfällt man gerne in gewisse Muster. Wir haben schon immer versucht, das zu vermeiden, womit wir mal mehr und mal weniger erfolgreich waren. Aber dieses Mal ist es uns ziemlich gut gelungen.“

Mit „dieses Mal“ meint Molko „Loud Like Love“, das siebte Album der britischen Band. Und von dem lässt sich sagen, dass es ihr bisher abwechslungsreichstes geworden ist. Neben typischen Placebo- Songs wie „Scene Of A Crime“ oder „Rob The Bank“ gibt es auch einige Überraschungen, zum Beispiel „Hold On To Me“ mit seinem Spoken-Word-Part. Und zwischen dem temporeichen Auftakt „Loud Like Love“ und dem letzten Track, der sechseinhalb Minuten langen, mit Streichern verzierten Klavierballade „Bosco“, liegen im Grunde Welten.

„Das macht deutlich, wie viel Spielraum wir uns gaben“, so Molko. „Das Album hat viel mehr Farbe, viel mehr Licht und Dunkel als der Vorgänger.“ Grund für diese Vielfalt ist wohl auch die ungewöhnliche Entstehung des Albums. Als Placebo im Sommer 2012 mit Produzent Adam Noble (Red Hot Chili Peppers, dEUS) ins Studio gingen, um die EP „B3“ aufzunehmen, war ihre nächste Platte gedanklich eigentlich noch in weiter Ferne. Schließlich war die Tour zu „Battle For The Sun“, dem ersten Album, nachdem der einstige Placebo-Drummer Steve Hewitt durch Steve Forrest ersetzt wurde, praktisch gerade erst zu Ende gegangen.

„Wir hatten bei den Aufnahmen dann aber so viel Spaß, dass es sich anfühlte, als hätten wir längst angefangen, an unserem nächsten Album zu arbeiten“, so Molko. „Also haben wir nach der EP einfach weitergemacht.“ Weil das Trio aber nicht genügend fertige Songs hatte, steuerte Molko ein paar Stücke bei, die eigentlich für ein potenzielles Soloalbum gedacht waren, darunter auch die erste Single „Too Many Friends“.

„Ich hatte diese Songs in der Schublade, sozusagen für verregnete Tage, und hatte immer mal wieder alleine an ihnen gearbeitet“, sagt er. „Ursprünglich hatte ich sie auf akustischen Instrumenten geschrieben, deswegen klangen sie überhaupt nicht nach Placebo. Wir mussten sie erst auseinandernehmen und dann wieder zusammensetzen.“

Doch als die erste Hälfte von „Loud Like Love“ fertig war, mussten Placebo die Aufnahmen wegen einer geplanten Tour unterbrechen. „Als wir danach wieder ins Studio kamen, fingen wir praktisch bei null an. Wir hatten die Messlatte durch die ersten Aufnahmen unheimlich hoch gelegt und stellten uns im weiteren Verlauf deshalb ständig in Frage. Viele Entscheidungen haben wir erst in der letzten Sekunde getroffen und einige Songs wanderten auch in den Müll. Es war tatsächlich eine Menge Unsicherheit involviert.“

Das gilt auch für die textliche Ausrichtung des Albums. Schließlich hatte Molko sich fest vorgenommen, auch diesbezüglich nicht auf ausgetretenen Pfaden zu wandeln, sondern sich neuen Themen zu widmen. „Dabei geht es ja auch um die Frage, ob man noch etwas zu sagen hat“, gibt er offen zu. „Das ist eine sehr angsteinflößende Frage, der ich mich jedes Mal stellen muss, wenn wir ein neues Album machen. Und es wird mit jedem Mal schwerer. Man tappt im Dunkeln und rennt gegen Wände, bis schließlich etwas kommt, aus dem man einen Song machen kann. Ich war dieses mal sehr hart zu mir selbst, was die Texte betrifft.“

Deshalb dreht sich „Loud Like Love“ nun um ein Thema, das man Placebo eigentlich eher nicht zugetraut hätte: die Liebe. „Auf den ersten Blick scheint das nicht zu uns zu passen“, freut sich Molko. „Aber genau deshalb war es für mich so reizvoll. Wir waren ja schon immer sehr konträr und bringen Erwartungen, die andere von uns haben, gerne durcheinander.“ Natürlich ist „Loud Like Love“ trotzdem keine Friede-Freude-Eierkuchen-Angelegenheit.

Die Songs sind eher als zehn Kurzgeschichten zu verstehen, die die unterschiedlichen Seiten und Auswirkungen der Liebe behandeln. Es gibt feierliche Tracks wie den Titelsong, aber auch düstere und komplizierte Themen. „Da geht es um Eifersucht, Besessenheit, Sehnsucht, Einsamkeit, Reue und Nostalgie dafür, wie die Dinge einmal waren, aber nie mehr sein werden. Es ist eben immer noch eine Placebo- Platte.“

So beschreibt das industrielle „Exit Wound“ ziemlich bildlich, wie die Verflossene sich mit jemand anderem vergnügt. „Bosco“ derweil, benannt nach einer Weinsorte, handelt davon, wie Sucht und Abhängigkeit eine Beziehung zerstören können. „Das sind alles Erfahrungen aus den letzten 20 Jahren, die in diese Songs eingeflossen sind“, sagt Molko, der nie einen Hehl daraus gemacht hat, selbst die eine oder andere Substanz ausprobiert zu haben. „Meine Texte haben immer auch eine offenbarende Seite, aber es ist nie, als hätte ich einen Eintrag aus dem Tagebuch heraus gerissen. Ich versuche eher, eine Geschichte zu erzählen.“

Manchmal taucht das Liebesthema deshalb nur unterschwellig auf. Zum Beispiel in „Too Many Friends“, das auf den ersten Blick vom Internet- und Social-Media-Wahn unserer Zeit zu handeln scheint. „Im Grunde geht es aber um einen Menschen, der sich sehr einsam fühlt und wahre Liebe in seinem Leben vermisst“, so Molko. „Er hat zwar massig virtuelle Freunde, ist in der echten Welt aber unfähig,zu kommunizieren.“ Aber wie wütend ist man als Band eigentlich noch, wenn man einen Song über das Internet schreibt?

Hat Molko sich dem Thema Liebe vielleicht auch deshalb verschrieben, weil der Vater eines achtjährigen Sohnes die innere Zerrissenheit der frühen Placebo-Tage mittlerweile hinter sich gelassen hat, weil er schlicht und ergreifend glücklicher ist? „Bin ich das, glücklicher?“, fragt er. „Ich glaube, mit Glück hat das nichts zu tun. Es gab Zeiten, in denen wir geradezu durch die Stratosphäre trieben, weil wir so anästhesiert waren. Damals waren wir ziemlich glücklich!“ Molko grinst. „Da ist auf jeden Fall immer noch dieses wütende Kind in mir, dieser Teenager, der ‚Fuck you’ sagt. Ich bin besser darin, ihn zu kontrollieren, allerdings weiß ich nicht, ob er je abhauen wird. Aber warum sollte er auch? Er ist ein Teil von mir“.