Interview "Interview: Brian Molko", Nov'13

Katharina Böhm
06.11.2013


INTERVIEW: Hallo Brian, wie geht es Ihnen?

BRIAN MOLKO: Gut, danke. Ich bin nur etwas erschöpft.

INTERVIEW: Welche Frage wurde Ihnen heute am häufigsten gestellt?

MOLKO: Die meistgestellte Frage ist gerade: "Sie waren vier Jahre weg, warum?" (lacht) Als ob Deutschland zu verlassen, die letzte Sache gewesen wäre, die wir getan haben. Und die Antwort darauf ist doch so offensichtlich, und auch sehr langweilig.

INTERVIEW: Sie waren auf Tour und haben an neuen Songs geschrieben.

MOLKO: Und dann haben wir sie aufgenommen. Man kommt sich vor wie ein Arschloch, wenn man so etwas Offensichtliches erklären muss.

INTERVIEW: Vielleicht müssen Sie öfter mal die Unwahrheit sagen.

MOLKO: Am Ende so eines Tages tue ich das manchmal, um nicht in eine tiefe Depression zu verfallen.

INTERVIEW: Ich finde das legitim. Außerdem tun Journalisten das auch schon mal, wenn ein Interviewpartner zu langweilig war.

MOLKO: Ich hoffe, dass das heute nicht nötig ist.

INTERVIEW: Ich bin ganz zuversichtlich. Als ich "Loud Like Love", den Titel Ihres neuen Albums zum ersten Mal gehört habe, dachte ich, dass es vielleicht interessant wäre, wenn wir uns über Geräusche im Allgemeinen unterhalten würden.

MOLKO: Gerne.

INTERVIEW: Haben Sie ein Lieblingsgeräusch?

MOLKO: Mein liebstes Geräusch auf der ganzen Welt ist das Lachen meines Sohnes. Es klingt so wundervoll. Ich meine, es ist klar, dass man das so empfindet. Die Liebe zum eigenen Kind ist schließlich bedingungslos. Aber Kinderlachen ist allgemein ein schönes Lachen, weil es unschuldig und authentisch ist. Und das klingt jetzt vielleicht kitschig, aber Vogelgesang mag ich auch sehr, sehr gerne.

INTERVIEW: Damit sind Sie wahrscheinlich nicht allein.

MOLKO: Es gibt einen Radiosender namens "Birdsong Radio". Die senden 24 Stunden am Tag Vogelgesang über das Internet. Wenn ich morgens meditiere, lasse ich es dabei an.

INTERVIEW: Die meisten Vögel kann ich leider nicht identifizieren. Eine App wie Shazam für Vogelgesang wäre toll.

MOLKO: Vielleicht könnten Sie ja eine entwickeln. Ich glaube es gibt einen Markt dafür. Ich war vor ein paar Jahren in Thailand, auf der Insel Kho Phi Phi. Zu der Zeit habe ich gerade gerne draußen geschlafen. Eine ziemlich dumme Idee, weil die Moskitos einen nachts bei lebendigem Leib gefressen haben. Ich bin morgens mit komplett zerstochenem Gesicht aufgewacht. Aber diese dschungelartige Geräuschkulisse, die man in der Nacht hören konnte, war es wert. Ich habe lange wach gelegen und versucht, einzelne Geräusche zu identifizieren, aber das war einfach nicht möglich. Es war wahnsinnig laut!

INTERVIEW: So konnten Sie immerhin auch die Moskitos nicht hören. Deren Summen gehört ja wiederum zu den nervigsten Geräuschen der Welt.

MOLKO: Ich habe mich immer gefragt, wofür die überhaupt gut sind. Jedes Tier hat doch eine sinnvolle Rolle in unserem Öko-System. Aber was haben Moskitos für einen Zweck – außer vielleicht, der Überbevölkerung durch die Verbreitung von Dengue-Fieber entgegenzuwirken?

INTERVIEW: Ich fürchte sie haben noch andere Funktionen, zum Beispiel als Nahrungsmittel von Fröschen. Wie ist es für Sie, Ihre eigene Stimme zu hören? Stört das oder ist man einfach zu sehr daran gewöhnt?

MOLKO: Meinen Gesang kann ich hören, aber meine Sprechstimme mag ich nicht so gerne.

INTERVIEW: Gibt es Sänger, deren Stimmen Sie besonders gerne hören?

MOLKO: Als Teenager fand ich Janis Joplins Stimme sehr toll, oder die von Bob Dylan. Als ich älter wurde und anfing, andere Musik zu hören, habe ich mich in die Stimme von Michael Stipe verliebt. Er hat auch meine eigene Art zu singen, sehr beeinflusst. Gleiches gilt für Björk, ihre Stimme ist einzigartig. Thom Yorke von Radiohead hat auch seinen sehr eigenen Stil, der singt kein Wort richtig zu Ende. (lacht) Ich finde das sehr charmant und es klingt, als würde er das nicht mit Absicht machen.

INTERVIEW: Achtet man als Songwriter stärker auf Texte, als andere Leute?

MOLKO: Ich denke schon. Ich glaube es ist ein Geschenk, Dinge auf andere Weise formulieren zu können, als sie normalerweise ausgedrückt werden. Aber ich suche nicht zwanghaft danach. Ich höre auch immer mehr experimentelle Musik, als solche mit Texten.

INTERVIEW: Wie kam ihre Zeile "My Computer thinks I’m gay" zustande?

MOLKO: Mein Computer hat plötzlich angefangen, mir ständig Werbeanzeigen anzubieten, die sich offensichtlich an schwule Männer richteten. Wahrscheinlich hatte ich mir irgendwann mal einen komischen Porno angeguckt, mit Shemales oder so. Davor hatte ich immer nur Werbung für Heterosexuelle bekommen. Und auf einmal dachte mein Computer anders über mich.

INTERVIEW: Da wir gerade über Computer sprechen: Wie sähe die Flatrate ihrer Wahl aus?

MOLKO: Ich will nicht langweilig sein, aber ich hätte gerne eine Flatrate auf Vintage-Synthesizer-Sounds. Ich sitze gerne stundenlang am Smartphone oder am Computer und entwickele irgendwelche bekloppten Geräusche.

INTERVIEW: Benutzen Sie die danach weiter?

MOLKO: Ich würde gerne ein synthesizer-generiertes Alter Ego von mir erstellen und dann ein rein elektronisches Album aufnehmen. Manchmal muss man sich selbst kleine Herausforderungen stellen.

INTERVIEW: Wie ergeht es Ihnen denn mit dem Album, das Sie gerade herausgebracht haben?

MOLKO: Im Moment höre ich es mir überhaupt nicht an. Ich werde meistens schon während des Abmischens nervös, weil ich Angst habe, ich könnte es mir überhören. Ich langweile mich ziemlich schnell. Das ist manchmal schwierig, wenn man 18 bis 24 Monate mit einem Album auf Tour ist.

INTERVIEW: Steht ihre Playlist vor einem Konzert immer schon vollständig fest?

MOLKO: Ja, was das angeht, sind wir Kontrollfreaks. Manchmal ist dieser Prozess sehr schwer, weil wir eine etwas schwierige Beziehung zu unseren alten Stücken haben. Manche davon mögen wir nicht so, andere haben wir einfach schon viel zu oft gespielt. Das sind dann aber oft unsere populärsten Songs. Stefan und ich haben manchmal echt Schwierigkeiten auf eine anderthalbstündige Liste zu kommen, auf die wir beide Lust haben. Aber ein paar Stücke, auf die das Publikum sich besonders freut, muss man ihnen auch geben. Alles andere wäre unfair und anmaßend.

INTERVIEW: Gibt es dennoch Songs, die Sie gar nicht mehr spielen?

MOLKO: Ja, "Pure Morning". Darauf habe ich nie Lust. Ich finde die Musik noch immer cool, aber die Lyrics sind zum Kotzen. Und ich habe sie auch noch geschrieben. Für mich hört sich das an, wie die Arbeit eines Teenagers.

INTERVIEW: Deswegen mögen Teenager es vielleicht auch so gerne.

MOLKO: Klar. Aber der Text ist einfach nicht besonders sophisticated. Er hat keine Tiefe. Aber das entspricht genau den Umständen, unter denen wir den Song damals geschrieben haben: Wir saßen im Studio rum und ich habe einfach so vor mich hin gereimt. Heute ist es mir einfach zu peinlich, mich auf eine Bühne zu stellen und das zu singen.

INTERVIEW: Umso besser, dass Sie so viele Songs haben, auf die Sie zurückgreifen können.

MOLKO: Zumindest sind wir auf dem Weg dorthin.

INTERVIEW: Übrigens ist mir aufgefallen, dass Sie ein bißchen Ähnlichkeit mit Courtney Love haben.

MOLKO: Okay.

INTERVIEW: Ich meine die frühe Courtney Love. Ist Ihnen das noch nie gesagt worden?

MOLKO: Doch, gerade Mitte der Neunziger habe ich das öfter gehört. Und da ich Courtney immer mochte, fand ich diesen Vergleich ziemlich cool. Ich habe also kein Problem damit, das zu hören. (lacht)

INTERVIEW: Ich habe ein älteres Zitat gelesen, in dem Sie sagen, dass es sie langweilt, die ganze Zeit nur von Männern umgeben zu sein und sich vorstellen könnten, in einer Girl-Band zu spielen. Was ist daraus geworden?

MOLKO: Es ist nie dazu gekommen. Meine Boy-Band wurde zu erfolgreich! Aber ich fänd es toll, wenn es genauso viele Frauen Rock’n’Roll Bands gäbe. Das ist eine wahnsinnig männerdominierte Szene.

INTERVIEW: Wie würden die Rocker wohl reagieren?

MOLKO: Ich glaube, im Endeffekt würden sie sich freuen, weil es dann noch mehr Frauen gäbe, die sie versuchen könnten, zu verführen. Genauso eindimensional sind Männer nämlich drauf. Und die wären natürlich eine größere Herausforderung, als die Groupies.

INTERVIEW: Sie gehen jetzt wieder auf Tour, auf welchen Auftritt freuen Sie sich am meisten?

MOLKO: Ich freue mich sehr auf Istanbul. Das Publikum dort ist besonders enthusiastisch, ähnlich wie in Lateinamerika. In Kiew hatten wir auch mal ein sehr tolles Konzert.

INTERVIEW: Haben Sie schon mal auf einer Demonstration gespielt?

MOLKO: Bisher noch nicht, aber vielleicht ist es an der Zeit.

INTERVIEW: Auf was für einer Demo würden Sie spielen wollen?

MOLKO: Ich würde auf jeden Fall keinen bestimmten Politiker unterstützen, so wie das in Amerika viele Künstler tun, wenn Wahlkampf ist.

INTERVIEW: Wenn Sie nicht für irgendwelche Diktatoren auftreten.

MOLKO: Tja, die Diktatoren sind wohl bereit, sehr viel Geld für so einen Auftritt zu zahlen. Aber die Frage nach der Demonstration ist wirklich gut. Die würde ich mir gerne für das nächste Interview aufheben.