Berliner Zeitung "Soziale Netzwerke machen einsam", Sep'13

Katja Schwemmers
11.09.2013


Das Internet ist für ihn ein Monster mit zwei Köpfen, soziale Netzwerke eine Möglichkeit zur Flucht vor echter Bindung: Im Interview spricht Brian Molko über das neue Placebo-Album und warum er nichts von Facebook hält.

Nicht alle Rockstars sind Fans von Facebook & Co. Brian Molko vom Rocktrio Placebo beispielsweise kann sich ganz und gar nicht für soziale Netzwerke erwärmen. Und das ganz unabhängig von der NSA-Affäre. Er halte Leute für naiv, die bisher glaubten, ihre Daten im Internet wären sicher, sagte er kürzlich in einem Interview. Mit der Single „Too Many Friends“ des am Freitag erscheinenden neuen Placebo-Albums „Loud Like Love“, sagt der 40-Jährige, was er von der Welt der virtuellen Freundschaftsanfragen hält.


Mr. Molko, in Ihrem neuen Song singen Sie, dass Ihr Computer glaubt, Sie seien schwul. Wie kommen Sie darauf?

Ich weiß nicht mehr, was genau ich bei Google eingegeben habe, aber plötzlich veränderten sich alle meine Werbeanzeigen und suggerierten mir, dass ich ein schwuler Mann sei.

Aber das sind Sie gar nicht?

Nein. Aber ich fand es so lustig, dass ich daraus eine Textzeile machen wollte. Zur gleichen Zeit erzählten mir dann Freunde, dass sie aufgehört hätten, Freundschaftsanfragen zu akzeptieren, weil sie schon zu viele Freunde hätten. Und da fragte ich mich, wie man eigentlich zu viele Freunde haben kann. Natürlich hatte ich die physikalische Welt im Kopf und nicht die Cyberwelt der sozialen Netzwerke.

Also sind Sie persönlich gar nicht in sozialen Netzwerken aktiv?

Nein, keiner aus unserer Band ist das.

Vermutlich würde Ihre Anti-Facebook-Hymne „Too Many Friends“ dem Facebook-Chef Mark Zuckerberg nicht besonders gefallen.

Ich stelle mir in dem Song lediglich Fragen bezüglich des Wesens von Freundschaften. Bringt die Verbindung in sozialen Netzwerken uns wirklich enger zusammen? Oder gedeiht dadurch nicht eher eine neue Form der sozialen Entfremdung?

Sie denken also, soziale Netzwerke machen in Wirklichkeit einsam?

Absolut. Wenn man sich heutzutage mit jemandem trifft, ist die Person doch oft nur noch körperlich anwesend. Die Aufmerksamkeit ist immer irgendwie auf das Smartphone oder andere Kontaktgeräte gerichtet.

Schön, dass es Ihnen als Rockstar da nicht anders ergeht, als uns normalen Menschen. Aber wie schaffen Sie persönlich es, dieser neuen Welt zu widerstehen?

Das ist ganz einfach: Ich habe keinerlei Verlangen danach, auf diesem Weg zu kommunizieren.

Das haben wir am Anfang alle gesagt. Aber kaum fängt man damit an, ist man auch schnell süchtig.

Deshalb tue ich es nicht. Ich frage mich auch oft, ob die ganze Internetkommunikation vielleicht nur eine neue Form von Flucht ist. Eine Flucht von Menschen, die sich in der realen Welt nicht verbinden können, die nicht in der Lage sind, mit echten Emotionen, mit echten Mensch-zu-Mensch-Beziehungen umzugehen.

Aber das Internet hat doch auch Positives bewirkt. Den arabischen Frühling zum Beispiel.

Wie jede mächtige Kraft in der Gesellschaft, ist auch das Internet ein Monster mit zwei Köpfen. Es ist auch nicht die Technologie an sich. Es ist das, was die Menschen damit tun. Das ist wie bei einer Axt, die man dazu nutzen kann, einen Baum zu schlagen, um ein Feuer zu machen und seine Kinder zu wärmen. Aber man kann damit auch losziehen, um Leute umzubringen. Soll man nun die Axt dafür verantwortlich machen oder die Person, die sie hält?

Würden Sie so weit gehen und von einer kranken Gesellschaft sprechen?

Ich habe von Leuten gehört, deren Stimmungen tatsächlich von der Anzahl der Likes abhängen, die ihre jeweiligen Posts bei Facebook erhalten. Wenn ich mir vorstelle, dass da immer der soziale Druck ist, jemand anderen zu „liken“ oder jemanden als Freund zu bestätigen, dann frage ich mich, warum man sich freiwillig in so eine Situation begibt? Aber nun die gute Nachricht: Internetabhängigkeit wird mittlerweile in Behandlungszentren für Alkohol- und Drogensüchtige mitbehandelt.

Können Sie uns bitte die Adresse geben?

Googeln Sie danach. Dann wird Ihre Suche bis ans Ende aller Tage gespeichert, und Ihr Computer wird Sie künftig wie einen Heroinabhängigen behandeln.