Ampya "Tee ist der neue Rock'n'Roll", Nov'13

19. Nov 2013
Katja Schwemmers


Placebo sind aktuell auf Deutschlandtour, um ihr Album "Loud Like Love" live zu präsentieren. Ob sie in Sachen Pyrotechnik Rammstein übertrumpfen werden oder doch eher Kraftwerk in Sachen iPad-Einsatz auf der Bühne nacheifern? Sänger Brian Molko und Gitarrist Stefan Olsdal klären auf.

Seit Ende der 90er gehören Placebo mit zwölf Millionen verkauften Tonträgern zu den erfolgreichsten Rockgruppen und ambitioniertesten Live-Bands überhaupt. Mit "Lould Like Love!"hat sich das Trio – bestehend aus dem luxemburgischen Sänger/Texter Brian Molko, dem schwedischen Bassisten/Gitarristen Stefan Olsdal und dem amerikanischen Drummer Steve Forrest – erfolgreich mit einem neuen Album zurückgemeldet, das sie nun live in Deutschland vorstellen. Im Interview erzählen sie von Bühnenbefindlichkeiten, neuen Instrumenten und dem Design ihrer "Loud Like Love"-Tour.


Brian, Stefan, ihr seid mit Placebo derzeit endlich wieder live in Deutschland zu sehen. Was die Produktion betrifft sind die Konzerte aber vergleichsweise schlicht gehalten. Warum eigentlich?

Brian Molko: Wir sind nicht so große Fans von Pyrotechnik und Feuerwerk. Ich finde immer, wenn Bands das machen, versuchen sie damit nur etwas zu kompensieren.

Stefan Olsdal: Außer Rammstein, die dürfen das!

Brian Molko: Ja, genau, das ist etwas anderes. Das beste Theater, das es heutzutage gibt, ist nun mal eine Rammstein-Show! Ihre Konzerte gehören zu den befriedigendsten Live-Erlebnissen, die ich jemals hatte. Aber unser Design auf der Tour soll eine Weiterführung des Album-Artworks sein – ohne zu viel Brimborium und Pyrotechnik. Trotzdem gibt es bei uns kosmische Explosionen und bunte Psychedelia als Visuals auf den Leinwänden.


Ist es schwierig, eigene Erwartungen und die des Publikums unter einen Hut zu bringen?

Brian Molko: Absolut! Das ist jedes Mal aufs Neue eine Herausforderung. Ohne zu egoistisch oder arrogant zu klingen: Aber wir machen Musik, um uns zu allererst mal selbst glücklich zu machen. Dann hoffen wir natürlich, dass andere auch mögen, was wir tun. Nur deshalb sind wir ja in der Lage, unsere Musik in die Welt hinauszutragen. Die Live-Shows sind das Wichtigste für uns. Wenn eine Platte fertig ist, geht es nur noch um die Qualität der Konzerte. Man geht total darin auf. Man hat dann eher eine distanzierte Haltung zu dem, was mit der letzten Platte passiert. Wir sind dann zu beschäftigt damit, die Shows so gut wie möglich zu spielen.


Seid ihr immer ihr selbst auf der Bühne?

Stefan Olsdal: Ja, ich schon.

Brian Molko: Ich bin eine Facette von mir selbst. Ich bin die exhibitionistische Variante meines Ichs. Es ist wichtig für mich, meine exhibitionistische Ader in dem sicheren Kontext einer Liveshow befriedigen zu können. Denn das heißt, dass ich im Rest meines Lebens das nicht mehr haben muss. Da kann ich der normale Molko sein und auch mal im Supermarkt einkaufen gehen.


Fühlt ihr euch sexy dort oben?

Stefan Olsdal: An einem guten Tag ...

Brian Molko: Wenn ich mich nicht zu unsicher fühle, dann schon. Manchmal hapert es tatsächlich an der Selbstsicherheit. Aber so ist das eben, wenn man keine Drogen mehr nimmt.


Was ist denn heute eure Droge, um auf der Bühne bestehen zu können?

Brian Molko: Wir trinken viel Kamillentee vor und nach der Show, um zu Entspannen und Runterzukommen. Unsere Tee-Aftershowpartys sind jetzt schon berühmt-berüchtigt! Tee ist der neue Rock'n'Roll – zumindest wenn man um die 40 ist. Wir können nicht für jeden in dieser Band sprechen, aber Drogen sind kein Teil mehr von meinem Leben oder dem von Stefan.

Stefan Olsdal: Das ist wohl eine Folge des Erwachsenenwerdens. Es ist ziemlich ermüdend, Drogen zu nehmen, wie wir es früher auf Tour getan haben. Ich persönlich habe irgendwann entschieden, dass es an der Zeit ist, mich selbst für das zu akzeptieren, was ich bin. Mit allen Mängeln und Rissen. Deshalb brauche ich sie nun nicht mehr.


Wenn eine Band erst mal die Phase des Drogenkonsums überstanden hat, kann sie eigentlich für immer weitermachen.

Brian Molko: Stimmt. Es gibt sogar reichlich historische Beweise dafür, dass das stimmt! Von den Rolling Stones über Iggy Pop bis hin zu David Bowie. Und die Stones und Iggy touren immer noch. Das heißt dann wohl: Unsere Zukunft ist strahlend! Allerdings will ich besser aussehen als die Rolling Stones, wenn ich so alt bin wie sie. Zumindest besser als Keith Richards.

Stefan Olsdal: Aber es wäre gut, ihre Energie zu haben! Die ist immer noch unglaublich!


Also rocken Placebo auch bis zur Rente?

Brian Molko: Ich wüsste nicht, was ich sonst tun sollte. Es ist sehr, sehr wichtig für mich, diese Band aufrecht zu erhalten und die damit verbundene Kreativität, Klarheit und Erhabenheit.


Ihr habt für die Aufnahmen an eurem aktuellen Album "Loud Like Love!" erstmals iPads benutzt. Was bedeutet das für Liveshows?

Brian Molko: Nun, wenn du Kraftwerk heutzutage live spielen siehst, stehen die vier Männer hinter einem Apple-Laptop. Der nächste logische Schritt wäre dann wohl, dass Kraftwerk mit iPads auftreten. Wer weiß, vielleicht sieht man in Zukunft statt eines Keyboardspielers einen hingebungsvollen iPad-Musiker auf den Bühnen dieser Welt.


Aber doch bitte nicht bei Placebo!

Brian Molko: Nein, besser nicht. Wir sind schon sechs Leute, wenn wir live spielen und wollen nicht noch jemanden anheuern. Wir haben aber Sounds des iPads auf ein Keyboard aufgespielt. Das reicht erst mal an technischen Spielereien.