20 Minuten "Ich hatte Lust, die Fans zu irritieren", Sep'13

von Catharina Steiner, Wien
09 September 2013


Am Freitag erscheint das neue Album von Placebo. Ein Muss für Fans der britischen Rocker? Nicht unbedingt, findet Frontmann Brian Molko (40).


Warum handelt euer neues Album komplett von der Liebe?

Ich hatte zunächst kein Thema im Kopf, doch mit der Zeit kristallisierte sich eins raus und wir blieben dabei. Das macht Placebo sonst nicht. Ich hatte Lust, eine grosse Zahl von Fans zu irritieren.

Hast du das geschafft?

Ja, viele haben bereits sehr lautstark reagiert. Und in einer sehr negativen Weise.

Trifft dich das nicht?

Nein, ich muss darüber lachen! Die militanten Anhänger unter unseren Fans sind emotional so stark an die Band gebunden, dass ihnen die Perspektive fehlt. Sie hängen zu sehr an der Vergangenheit. Würden wir uns darum scheren, was populär ist, dann hätten wir nur Alben gemacht, die Kopien unserer erfolgreichsten Singles sind. Das hätte uns gelangweilt.

Euer Album heisst «Loud Like Love». Wann ist Liebe zu laut?

Wenn sie die Nachbarn aufweckt.

Passiert dir das oft?

Ja. Meine Nachbarn sind total laut! Jeden Samstag um Mitternacht, wenn das Pub zu macht, steht ihre wöchentliche Vögelei an.

In «Exist Wounds» beschreibst du deinen Schmerz beim Gedanken daran, dass deine Ex mit ihrem Neuen schläft.

Ich habe den Song ein paar Leuten vorgespielt. Am Schluss waren viele unangenehm berührt. Sie sagten mir, sie würden dieses Gefühl nicht kennen. Das hat mich schon sehr überrascht.

Glaubst du ihnen das?

Ja, warum sollte ich nicht? Nicht jeder Mensch hat sich schon mal so traurig gefühlt. Aber sind diese Leute wirklich besser dran? Ich weiss es nicht.

Fühlst du mehr als andere?

Da musst du meinen Psychiater fragen. Der hätte sicher einiges dazu zu sagen.

Die Single «Too Many Friends» kritisiert Facebook und Co. Warum magst du soziale Medien nicht?

Der Song handelt nicht unbedingt von Social Media, sondern einfach von Technologie und Einsamkeit. Früher warteten Leute in romantischen Songs neben dem Telefon, bis es klingelte. Es ist also dasselbe, nur die Technologie hat sich verändert. Ich glaube nicht, dass die Technologie das Problem ist, sondern die Menschen. In habe einfach versucht, über die heutige Einsamkeit zu sprechen. Ich bin auch fasziniert davon, wie sich Freundschaft verändert.

Tut sie das denn wirklich?

Ich glaube schon. Wenn man einer Person wirklich nahe kommen will, muss man ein Risiko eingehen. Man muss sich erlauben, verletzlich zu sein. Sonst kann es keine richtige Verbindung geben, und ohne eine solche können wir niemals glücklich sein. Ausser du bist ein buddhistischer Mönch.

Das ist doch noch immer so.

Aber heute ist es so, dass wir anstatt physisch präsent zu sein lieber auf einen Bildschirm starren. Das nimmt uns unsere Verletzlichkeit. Wir präsentieren uns in einer editierten Ausgabe von uns online. Deswegen nehmen die Leute keinen Hörer mehr in die Hand und führen ein richtiges Gespräch.

Bist du auf Facebook oder Twitter?

Nein. Ich habe so schon genug Schwierigkeiten, mit der Handvoll von Menschen in Kontakt zu bleiben, die mir wirklich wichtig sind. Da will ich nicht noch Energie in Menschen stecken, die ich noch nicht einmal persönlich kenne.