laut.de "Interview with the band", Sep'03

24.09.2003
Interview von Rainer Henze

Das aktuelle Placebo-Album "Sleeping with Ghosts" ist jetzt in einer Neuauflage mit Bonus-CD erschienen. Auf ihr covern Placebo Bands wie die Pixies, Smiths, Depeche Mode und Robert Palmer. Wir sprachen beim Rock am See mit Brian Molko und Stefan Osdal über Coverversionen, Metallica-Fans, Rock im Allgemeinen, Masochismus, Altersweisheit und Bertolt Brecht. 

Das Wetter ist wundervoll auf diesem so beschaulichen Festival direkt am idyllischen Bodensee. Wir sind mit Placebo verabredet. Der Termin verschiebt sich, die Band ist gerade erst ihren Nightliner-Kojen entstiegen. Viel gefeiert nach dem Salzburger Frequency-Auftritt gestern Abend, verrät uns eine gut gelaunte Promoterin. Irgendwie sind alle herrlich entspannt, auch wenn die Zeit ein wenig drängt.

Noch eine knappe Stunde bis zum Konzert. Wir treffen Brian Molko und Stefan Osdal backstage auf einem weißen Ikea-Sofa lümmelnd, noch sichtlich irritiert von der voran gegangenen Begegnung mit einem schmerbäuchig-vollbärtigen Lokaljournalisten. Doch sie entspannen sich schnell wieder, nehmen im Verlauf des Gesprächs die Sonnenbrillen ab. Im Hintergrund wummern Sum 41, und wir beginnen das Interview, zur Auflockerung, mit einem kleinen Versprecher:

Wie ist es, ein Interview vor einem Metallica-Publikum zu geben?

Brian Molko: Äh, ein Interview oder ein Konzert?

Oh, sorry, ein Konzert.

B.M.: Haha, wobei das ein interessantes Konzept wäre, ein Interview vor einem Metallica-Publikum: "Hat jemand irgendwelche Fragen?" - (imitiert Metallica-Fans) - "Warum bist du so ein Arschloch?", "Warum trägst du Makeup, du Schwuchtel?" Hahaha.

Ok, ein Konzert ...

B.M.: Es war schwierig in der Vergangenheit. Dies ist das vierte Mal, dass wir mit Metallica spielen. Wir haben gestern mit ihnen gespielt (auf dem Frequency-Festival in Salzburg) und es war großartig, es gab überhaupt kein Problem. Es war ein sehr gemischtes, facettenreiches Lineup. Heute ist es ein bisschen mehr Rock. Weißt du, wir sind in Deutschland und das ist ein bisschen mehr Rock.

Deutschland ist rockiger?

B.M.: Naja, manchmal.

Stefan Osdal: Manchmal (später, auf dem Konzert trägt Stef die Aufschrift "Rock und Schwul" auf der Brust).

B.M.: Manchmal ist es auch sehr gothic. Wir waren letzte Woche Headliner auf dem M'era Luna-Festival, da spielten nur Goth-Bands. Das war sehr lustig und wir fühlten uns wie Justin Timberlake - ziemlich poppig.

Glaubt ihr, dass sich euer Publikum verändert hat? Ich habe euch vor ungefähr drei Jahren in Stuttgart gesehen, und es waren sehr viele 'Goths' da. Vor kurzem, in Freiburg, waren es nicht so viele ...

B.M.: Ich denke, es kommen immer noch genau so viele 'Goths', aber einfach auch mehr andere Leute. Unser Publikum ist sehr generationenübergreifend und sehr, sehr facettenreich. Die verschiedensten Leute, nicht nur eine Sorte, weißt du. Die Leute, die zu unseren Konzerten kommen, hören, glaube ich, sehr viel verschiedene Musik. Das ist auch ein Ansporn für uns.

Und wenn ihr sagt, Deutschland ist rockiger ...

B.M.: Naja, das war ein Spaß ...

Ja, schon klar. Aber es steckt doch immer ein Funken Wahrheit in einem Witz. Also wenn ihr es vergleicht mit, sagen wir, der Schweiz oder Großbritannien oder Australien ...

B.M.: Großbritannien ist teilweise auch sehr rockig. Großbritannien hat ja das klassische Rock-Festival erfunden, das "Monsters of Rock" in Castle Donington, damals. Oder nimm das Ozzfest in den USA zum Beispiel. Es ist lebendig, überall, es breitet sich aus. Es wächst und wächst und wächst immer noch. Und es ist ja nichts falsch an Rock.

Nein nein!

B.M.: Überhaupt nicht. It's fucking wicked.

S.O.: Wir sind eine Rock-Band!

B.M.: Wir sind eine ROCK-Band. That's what we do!

Denkt ihr viel über euer Publikum nach? Etwa, wenn ihr auf der Bühne steht und jemanden ausmacht in der Menge, nehmt ihr das Gesicht mit nach Hause oder ist das nur eine Menschenmasse?

S.O.: Das kommt darauf an, was du mit "das Gesicht mit nach Hause nehmen" meinst, hahaha ...

In Gedanken ...

S.O.: Ja, ich mag es, besonders auf großen Festivals, mir jemanden rauszupicken und für eine Weile anzustarren und zu sehen, wie sich sein Gesichtsausdruck verändert, so: "Siehst du wirklich MICH an?". Das ist ganz amüsant.

B.M.: Ich versuche, das zu vermeiden, es wird schnell unheimlich.

Die Leute bemerken, dass ihr sie anseht?

B.M.: Jaja, das tun sie. Aber das ist auch die magische Illusion, die du auf der Bühne erzeugen musst. Ich habe das auf der Schauspielschule gelernt: Wenn du ganz knapp über die Köpfe der Leute schaust, denkt jeder Einzelne im Publikum, dass du ihm in die Augen siehst. Das ist ein alter Schauspieler-Trick.

S.O.: Das ist genau so, wenn du fotografiert wirst: Wenn du starr über die Kamera schaust, sieht es besser aus. Guter Tipp für euch Leser, haha.

Im Vergleich zu früher wirkt ihr heute irgendwie entspannter und zufriedener. Gab es einen Punkt, ab dem ihr alles etwas leichter genommen habt? Gerade im Vergleich zur letzten Tour - ihr ward ja auch ewig unterwegs ...

S.O.: Ja, nach der "Black Market Music"-Tour, die 18 Monate dauerte, wurde uns klar, dass wir uns seit sieben Jahren keine Pause gegönnt hatten und wir dachten, es wäre vielleicht an der Zeit, mal wieder ein Leben zu haben, sesshaft zu werden, Freunde und Familie zu sehen und einfach normale Dinge zu tun, von der normalen Umgebung und dem Leben allgemein wieder inspiriert zu werden. Denn im Tourbus lebst du wie unter einer Käseglocke, und nach einer Weile hast du nichts mehr, worüber du reden oder singen könntest. Also haben wir Urlaub genommen, neue Songs geschrieben und nach einem Jahr "Sleeping With Ghosts" aufgenommen. Wir versuchen einfach, das Tempo zu halten.

Ihr seid also noch nicht ausgebrannt?

S.O.: Nein! Wir touren ja noch ein Jahr. Wenn wir jetzt schon ausgebrannt wären ...

B.M.: Wir touren wahrscheinlich bis zur nächsten Festival-Saison. Wir sind wie ein schlechter Geruch, wir gehen nicht weg.

Was ist das Wichtigste für euch, wenn ihr live spielt?

S.O.: Einen guten Sound auf der Bühne zu haben, genau so wie die Leute vorne, das ist unerlässlich für uns. Davon abgesehen kommt es darauf an, mit dem Publikum zu kommunizieren, den Vibe einzufangen. Auf Festivals hast du ja auch nur begrenzt Zeit, du musst also schneller in Stimmung kommen und vielleicht auch Leute 'bekehren', denn es sind ja nicht unbedingt alle gekommen, um dich zu sehen. Du machst auch mehr Show auf Festivals, weil die Bühne einfach größer ist, die Energie verstreut sich ...

Festivals zu spielen, ist also nicht nur ein Job?

S.O.: Absolut nicht! Nein nein nein ...

B.M.: Es gibt bestimmte Aspekte in dem, was wir als Musiker tun müssen, die wie ein Job sind. Zum Beispiel - das ist nicht persönlich gemeint - Interviews geben. Aber wenn du auf der Bühne bist das ist ... dein ganzer Tag ist ausgerichtet auf die eine Stunde, die du auf der Bühne stehst. Und dann fühlst du dich total frei. Was wir tun ist kein Job, es ist eine wundervolle Alternative zum Alltagsleben.

S.O.: Wie ein Zirkus voller Freaks.

Fühlt ihr euch wie Freaks manchmal?

S.O.: Die Leute können einem das Gefühl geben, man wäre ein Freak. Sie sehen dich anders an und behandeln dich manchmal nicht wie einen normalen Menschen. Und dann denke ich: "Ich bin ein normaler Mensch, warum behandelst du mich anders?".

B.M.: Je älter ich werde, desto weniger fühle ich mich so. Ich glaube, in deinen Zwanzigern genießt du es, dir wie ein Freak vorzukommen. Das ist wohl eine Art ...

S.O.: Ja, guck nur, was wir anhatten ...

B.M.: ... eine Art Zwanzigjährigen-Masochismus.

Ok, anderes Thema: Ich habe gelesen, dass David Bowie "Sleeping With Ghosts" als "Brecht-inspiriert" bezeichnet hat. Was sagt ihr dazu?

B.M.: Das ist interessant. Ich denke, der erste Song auf dem Album - das Instrumental - ist, was wir in der Theater-Sprache einen Brecht'schen Verfremdungseffekt nennen. Er soll den Hörer überraschen, denn der erwartet, dass der erste Song des Albums Lyrics hat. Aber da sind keine. Der Song ist sehr Rock'n'Roll. Der zweite Song ist dann sehr elektronisch. Und mit Lyrics. Und zu dem Zeitpunkt ist sich der Hörer im Unklaren darüber, wie das gesamte Album klingen wird. Er weiß nur, dass er das Album komplett hören muss, um das Ganze zu verstehen. Wenn du dagegen Sum 41s Album anhörst, dann weißt du nach den ersten zwei Songs ganz genau, wie das gesamte Album klingt. Das ist der Brecht'sche Verfremdungseffekt, der eigentlich durch Zufall entstanden ist, dadurch dass wir das Instrumental als ersten Song genommen haben.

Ist das der Grund, dass ihr es live auch als ersten Song spielt und die Pixies als letzten?

B.M.: Es ist eine klasse Eröffnung für die Show. Und mit "Where is my mind" aufzuhören, ist einfach ein sehr euphorischer Moment, denn es ist nicht unser Song, wir lieben ihn, wir sind Fans, die Leute im Publikum sind Fans - eine große Gemeinschaft.

Letzte Frage: Wer ist das "Ashtray Girl"?

B.M.: Du

Ich?

B.M.: Und du. Und Stef. Und ich. Wir sind alle das Ashtray Girl. Es ist eine sehr alte Geschichte, die wohl eine wahren Hintergrund hat, über James Dean. Seine Liebhaber nannten ihn den "human ashtray". Er ließ sie Zigarettenkippen auf seiner Brust ausdrücken. Das Bild hat mich sehr bewegt, seit ich davon gehört habe. Es ist faszinierend, eine sehr romanhafte Form des Masochismus. Im Song steht es stellvertretend für selbstzerstörerische Beziehungen.



Source: laut